Der Wald ist zur CO₂-Quelle geworden: Zahlen aus dem Charta-Bericht
Deutschlands Waldflächen emittierten 2024 netto 2,9 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Der Charta-Kennzahlenbericht zeigt Handlungsbedarf im Cluster Forst und Holz.
Der Charta-Kennzahlenbericht liefert eine unbequeme Zahl: Deutschlands bestehende Waldflächen waren 2024 netto eine CO₂-Quelle, nicht mehr eine Senke. Das verändert die Argumentation für den Holzbau; es entwertet sie nicht.
Was passiert ist
Der Charta-Kennzahlenbericht 2024/2025 bilanziert Klimaschutz, Wertschöpfung, Ressourceneffizienz und Fachkräftesituation im Cluster Forst und Holz. Bestehende Waldflächen wirkten 2024 mit plus 2,9 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten als Quelle, Aufforstungen mit minus 0,8 Millionen Tonnen als Senke. Auch Holzprodukte aus heimischem Einschlag waren 2024 erstmals eine leichte Quelle mit plus 0,4 Millionen Tonnen. Der Anteil des Kalamitätsholzes am Gesamteinschlag lag bei rund 45 Prozent, der Laubholzanteil am Rohholzaufkommen bei 22 Prozent. Die Bruttowertschöpfung des Clusters bezifferte der Bericht für 2023 auf rund 42 Milliarden Euro. Der Arbeitsmarkt bleibt angespannt, mit hohen Vakanzzeiten und unbesetzten Ausbildungsplätzen. FNR-Fachmann Dr. Jan Lüdtke betonte, die Daten zeigten, wie eng Waldzustand, Holznutzung und Klimaschutz zusammenhängen.
Die Zahlen
- Bestehende Waldflächen 2024: +2,9 Mio. t CO₂-Äq. (Quelle)
- Aufforstungen: −0,8 Mio. t CO₂-Äq. (Senke)
- Holzprodukte aus heimischem Einschlag: +0,4 Mio. t CO₂-Äq.
- Kalamitätsholzanteil am Einschlag: rund 45 %
- Laubholzanteil am Rohholzaufkommen: 22 %
- Bruttowertschöpfung Cluster Forst und Holz (2023): rund 42 Mrd. €
Was das für Kommunen bedeutet
Kommunen sind in diesem Bericht doppelt adressiert: als Bauherren und, wo sie Kommunalwald besitzen, als Waldeigentümer. Die Zahl von 45 Prozent Kalamitätsholz beschreibt den Zustand, in dem sich viele Forstbetriebe befinden: fast die Hälfte des Einschlags ist keine planmäßige Ernte, sondern Schadensbewältigung nach Trockenheit, Sturm und Käferbefall. Wer als Gemeinde Holz aus dem eigenen Wald in ein eigenes Bauvorhaben lenken will, findet dafür ein starkes Narrativ und eine schwierige Praxis: Kalamitätsholz ist in Qualität und Menge schlecht planbar, und die Kette von Einschlag über Einschnitt bis zum Bauteil erfordert Partner und Vorlaufzeit.
Die zweite relevante Zahl ist der Laubholzanteil von 22 Prozent. Der Waldumbau führt zu mehr Laubholz, während der Holzbau bisher überwiegend auf Nadelholz basiert. Diese Diskrepanz ist ein strukturelles Thema für das nächste Jahrzehnt, und der Grund, weshalb Forschung an Buchen- und Laubholzanwendungen mehr als ein akademisches Randthema ist.
Was das für Investoren und Bauherren bedeutet
Die wichtigste Einsicht ist argumentativer Natur. Wenn der Wald selbst netto CO₂ abgibt, taugt der Satz „Holzbau ist klimaneutral, weil der Wald nachwächst“ nicht mehr als Begründung. Die belastbare Argumentation ist anders und schmaler: Ein Holzbauteil bindet Kohlenstoff für die Dauer seiner Nutzung, und es ersetzt Materialien, deren Herstellung erhebliche Emissionen verursacht. Dieser Substitutionseffekt bleibt gültig, unabhängig vom Zustand der Wälder, er hängt allerdings daran, dass das Bauteil lange genutzt und danach weiterverwendet wird, nicht verbrannt.
Für Investoren mit ESG-Berichtspflichten heißt das: Die Argumentation muss auf Bauteilebene geführt werden, mit Umweltproduktdeklarationen, nachvollziehbarer Herkunft und einem Konzept für das Lebensende. Wer mit pauschalen Aussagen zur Klimafreundlichkeit von Holz arbeitet, wird in Prüfungen Schwierigkeiten bekommen.
Einordnung
Dieser Bericht ist unbequem, und genau deshalb ist er nützlich. Eine Branche, die ihre eigene Bilanz schönt, verliert Glaubwürdigkeit, sobald jemand nachrechnet. Zwei Einschränkungen sind fair: Die Waldbilanz eines einzelnen Jahres ist stark von Schadensereignissen geprägt und schwankt erheblich, sie ist kein Dauerzustand. Und die Kennzahlen des Berichts sind nicht deckungsgleich mit denen anderer Statistiken: die dort ausgewiesene Holzbauquote liegt deutlich unter den Werten, die Branchenverbände nennen, weil andere Bezugsgrößen und Datenjahre verwendet werden. Wer mit Quoten argumentiert, sollte deshalb immer sagen, welche Quote gemeint ist: Gebäude oder Wohnungen, Genehmigungen oder Fertigstellungen, Anzahl oder Fläche. Diese Unterschiede erklären fast jede scheinbare Widersprüchlichkeit in der Holzbaustatistik.
Quellen: FNR/Holzbauinitiative: Charta-Kennzahlenbericht 2024/2025
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