Die EU hat fünf Leitmärkte für biobasierte Materialien benannt: Bauen und Sanieren steht an erster Stelle. Der Hebel, den die Strategie dafür vorsieht, ist die öffentliche Beschaffung. Das macht sie für Kommunen unmittelbar relevant.

Was passiert ist

Die Ende 2025 veröffentlichte EU-Bioökonomiestrategie benennt fünf Leitmärkte für biobasierte Materialien: Bauen und Sanieren, Textilien, biobasierte Kunststoffe und Verpackungen, biobasierte Chemikalien sowie Düngemittel und Pflanzenschutz. Im Bausektor nennt die Strategie ausdrücklich Holz, Hanf, Stroh, Myzel und Faserverbundmaterialien als Ansatzpunkte zur Senkung grauer Emissionen. Zur Begründung führt sie an, dass das Bauwesen für mehr als 35 Prozent des Abfallaufkommens in der EU und für 5 bis 12 Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Biobasierte Produkte könnten die grauen CO₂-Emissionen und den Energiebedarf von Gebäuden um etwa 40 Prozent senken. Der öffentlichen Auftragsvergabe weist die Strategie dabei eine Schlüsselrolle zu: Sie soll den Markthochlauf biobasierter Lösungen durch verlässliche, kontinuierliche Nachfrage beschleunigen.

Die Zahlen

  • Leitmärkte insgesamt: 5, Bauen und Sanieren an erster Stelle
  • Anteil Bauwesen am EU-Abfallaufkommen: über 35 %
  • Anteil an nationalen Treibhausgasemissionen: 5–12 %
  • Potenzial biobasierter Produkte: rund 40 % weniger graue Emissionen und Energiebedarf
  • Zentrales Instrument: öffentliche Beschaffung

Was das für Kommunen bedeutet

Wenn öffentliche Beschaffung zum Instrument der Industriepolitik wird, landet das bei den Vergabestellen, und zwar als Anforderung, nicht als Empfehlung. Die praktische Frage lautet: Wie schreibt man biobasierte Baustoffe aus, ohne ein Produkt vorzuschreiben? Die Antwort ist die gleiche wie bei allen Nachhaltigkeitskriterien: über Eigenschaften und Nachweise, nicht über Fabrikate. Zulässig ist, ein Treibhauspotenzial pro Quadratmeter zu fordern, Umweltproduktdeklarationen zu verlangen oder den Anteil nachwachsender Rohstoffe zu bewerten. Unzulässig ist, „Holzbau“ als Bedingung zu formulieren, wenn dafür kein sachlicher Grund im Leistungsbild steht.

Kommunen, die das jetzt vorbereiten, gewinnen doppelt. Erstens werden solche Kriterien in den nächsten Jahren ohnehin verpflichtend, über die Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie und die nationalen Nachweispflichten zum Lebenszyklus. Zweitens verbessert eine belastbare Bewertungsmatrix schon heute die Angebotsqualität: Wer Nachhaltigkeit als Zuschlagskriterium mit klarem Gewicht ausschreibt, bekommt Angebote, die darauf antworten, statt des billigsten Angebots mit später nachgereichten Nachweisen.

Was das für Investoren und Bauherren bedeutet

Für Investoren ist die Strategie ein Signal zur Nachfrageentwicklung. Wenn öffentliche Auftraggeber europaweit biobasierte Materialien bevorzugen sollen, wächst der Markt für Holzbauteile, Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen und zirkuläre Konstruktionen, mit Folgen für Verfügbarkeit, Preise und Kompetenzdichte. Kurzfristig kann das Preise erhöhen, weil Nachfrage vor Kapazität kommt. Mittelfristig senkt es Kosten, weil Serieneffekte entstehen und mehr Betriebe die Verfahren beherrschen.

Der zweite relevante Punkt ist die Kopplung an die Taxonomie und an ESG-Berichtspflichten. Was die EU als Leitmarkt definiert, findet sich mit einiger Verzögerung in Finanzierungs- und Zertifizierungskriterien wieder. Wer heute Gebäude mit dokumentierter Materialherkunft und niedriger Herstellungsemission baut, hat morgen einen leichteren Zugang zu Kapital, das nach solchen Nachweisen fragt.

Einordnung

Eine Strategie ist kein Gesetz. Die EU-Bioökonomiestrategie schafft keine Pflichten, sie setzt eine Richtung, und die Erfahrung mit europäischen Strategien lehrt, dass zwischen Ankündigung und verbindlicher Regel Jahre liegen, in denen sich Details erheblich verschieben. Auch die 40-Prozent-Angabe ist ein Potenzialwert, kein Messergebnis: Er setzt voraus, dass biobasierte Materialien konsequent und an der richtigen Stelle eingesetzt werden, und er hängt stark von den Annahmen zur Nutzungsdauer und zum Lebensende der Bauteile ab. Nüchtern betrachtet liegt der Wert der Strategie weniger in ihren Zahlen als in ihrer Adressierung: Sie sagt öffentlichen Bauherren, dass ihre Beschaffung als Marktinstrument gemeint ist. Das ist eine Verantwortung, die sich nicht delegieren lässt.


Quellen: FNR/Holzbauinitiative: Leitmärkte der neuen EU-Bioökonomiestrategie

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